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lasst uns träumen

Uraufführung im Tanzquartier Wien

Freitag, 03. Februar 2012 20.30 h
Samstag, 04. Februar 2012 20.30 h

www.tqw.at

Video online on Vimeo!

Interview Doris Stelzer scroll down!

Fotos und Pressestimmen unter Gallery und Press!


Lieder, die Hoffnung und Identität stiften, die Erinnerungen an vergangene Zeiten oder an erlebte Räume wecken und ein musikalisches Stück Heimat repräsentieren. Worin liegt sie begründet, unsere Sehnsucht nach Tradition, grünen Wiesen, blauem Himmel und Sonnenschein? Woran denken wir, wenn wir „Schlager“ hören und was löst das in uns aus?

Doris Stelzers neue Arbeit lasst uns träumen ist aus der Auseinandersetzung, besser aus der Konfrontation mit dem Schlager entstanden. Welche Werte und Klischees werden dort verhandelt und was haben diese mit uns zu tun? Wie gelingt es, diese inhaltsleeren Zeichen so verführerisch zu setzen, dass das Publikum bereit ist, sie mit eigenen Inhalten zu füllen?

lasst uns träumen siedelt sich zwischen der Tradition echter Volksmusik und dem Starkult des Schlagers an und spürt der Faszination nach, die so viele Menschen packt. Ziel ist nicht die Persiflage, sondern die Verdeutlichung der zu Grunde liegenden Muster mit den Mitteln der De-Konstruktion und Aneignung. Der Schlager als kommerzielles Massenphänomen, die Inszenierungsstrategien der vermeintlichen Empathie und der dazugehörige Fankult: Wer schunkelt warum mit? Und ist es wirklich „a Stückerl heile Welt?”


Konzept, Choreografie Doris Stelzer (A)
Performance, Choreografie Valerie Oberleithner (A), Ondřej Vidlář (CZ/BE)
Szenographie Jan Machacek (A)
Lichtdesign Tom Barcal (A)
Lichtassistenz Svetlana Schwin (RUS/DE)
Theorie, dramaturgische Begleitung Astrid Peterle (A)
Produktionsmitarbeit Reinhard Strobl (A)
Produktion dis.danse
PR SKYunlimited
Foto Bettina Frenzel
Dank an
a.pass, BMUKK, PARTS Summer Studios Residenz, Tanzquartier Wien Residenz, ttp WUK
Unterstützung Kulturabteilung der Stadt Wien

 

Doris Stelzer und Astrid Peterle im Gespräch über lasst uns träumen

Astrid Peterle: Nachdem Du in der Vergangenheit in Deinen Stücken einen nahezu mikroskopischen Blick auf Körper angewendet, Dich mit Körperbildern und Schönheitsidealen und zuletzt mit Geschlechterstereotypen auseinandergesetzt hast, widmest Du Dich in lasst uns träumen dem Schlager und der volkstümlichen Musik – was war Deine Motivation?

Doris Stelzer: Nach der letzten Arbeit gender jungle – wo/man habe ich mich auf die Suche nach Massenphänomenen gemacht, welche medial Geschlechterkonstruktionen produzieren. Dabei bin ich auf ein Lied aus dem Jahr 2008 mit der Textzeile „Ich schenk dir ein Brautkleid“ eines bekannten österreichischen Schlagersängers gestoßen und es hat mich sehr emotionalisiert. Festzustellen, dass diese Branche lebt, gedeiht, sich weiter reproduziert und inszeniert – siehe z.B. die samstäglichen großen Fernsehshows auf den öffentlich-rechtlichen Sendern – hat mich zur Auseinandersetzung angeregt. Außerdem habe ich auch eine Veränderung im Umgang mit Trachten und deren Manifestation von Tradition und Regionalität sowie Identität festgestellt, wie etwa die neue Wiener Wiesn.

Astrid Peterle: Du hast im Produktionsprozess Deiner Performance immer wieder erlebt, dass Dich Leute gefragt haben, welche Position Du zum Schlager und zur volkstümlichen Musik einnimmst bzw. welche Message Du mit dieser Performance intendierst. War es Dir wichtig, eine Position zu vermitteln?

Doris Stelzer: Mir ist es wichtig und ich finde es interessanter ein Thema und dessen gezielte Auseinandersetzung zur Position zu stellen bzw. in das Blickfeld zu rücken und damit einen Diskurs anzuregen. Das Thema ist ja an sich einfach und kompliziert zugleich. Einfach, weil die vermittelten Zeichen klar lesbar sind und jeder eine Meinung dazu hat. Kompliziert, weil, wenn man dahinter blickt, die Werte, auf denen der Schlager und die volkstümliche Musik basieren, vielfältige Geschichten haben. Meine Position zum Schlager und zur volkstümlichen Musik ist und war während des Prozesses eine zwischen Faszination und Verzweiflung. Faszination einerseits, weil viele Menschen echte Freude daran haben und die Stars Schwerstarbeit betreiben. Verzweiflung, weil die Werte so klar konservativ und damit eindeutig politisch sind.

Astrid Peterle: Nun ist dieses Thema nicht gerade eines, von dem man behaupten könnte, dass es im Feld des zeitgenössischen Tanzes und der Performance häufig anzutreffen wäre. Es scheint zum Habitus der AkteurInnen im zeitgenössischen Kunst-Bereich zu gehören, verächtlich und mit nahezu an Ekel grenzender Ablehnung auf diese Musik und die kommerzielle Maschinerie, die dahinter steht, zu blicken. Hat es Dich gereizt, Dich dieser Abgrenzung entgegenzustellen?

Doris Stelzer: Ich betrachte mich als zeitgenössische Künstlerin und deshalb beschäftige ich mich mit aktuellen Themen und Strömungen, wozu Schlager und volkstümliche Musik gehören. Wie gesagt, die Motivation entsteht generell immer aus dem Interesse an einem Thema, welches ich für brennend genug halte, um mich damit zu beschäftigen, woraus dann im Idealfall ein Stück wird. Die Abgrenzung und Skepsis ist uns begegnet und hat uns umso mehr ermutigt, die Sache ernst zu nehmen und nicht in der Persiflage, die scheinbar am nächsten liegt, stecken zu bleiben. Eine Gegenfrage: Ist der Schlager als eine Form des Entertainments wirklich immer so weit entfernt vom zeitgenössischen Tanz, wie wir ihn gern hätten?

Astrid Peterle: Wie hast Du Dich in das Thema vertieft? Du verwendest in der Performance z.B. musikalische „readymades“.

Doris Stelzer: Die Vertiefung und Auseinandersetzung erfolgte auf verschiedenen Ebenen: Obligatorisch waren Konzertbesuche im nationalen, aber auch inter- nationalen Kontext. Ein Meet-and-Greet mit Stars und auf der legendären Fanwanderung viele Begegnungen mit internationalen Fans und Antifans. Theoretische Studien im soziologischen und musikethnografischen Bereich und die Auseinandersetzung mit der Schlagergeschichte, welche ja bis zur Begriffsfindung in die Zeit der Operette zurückreicht und verschiedene Stufen durchläuft im Zusammenwirken mit der Musik- und Zeitgeschichte. Mit Ondřej und Valerie haben wir viele visuelle Materialien (Videos von Konzert- und TV-Mitschnitten von offizieller Seite als auch viele Fanvideos und Selbstgesammeltes) studiert, diskutiert und physisch verarbeitet. Die Materialien stammten aus dem Bereich der Starre- präsentation, der Fanreaktion und dem von uns definierten, angrenzenden Feld der Werte und Referenzen. Ein starker physischer Ausgangspunkt war das Schunkeln in den verschiedenen Dynamiken vom seligen, beruhigenden Hin- und Herwiegen bis zum aktivierenden Partyschunkeln. Der Einsatz von Musik-„readymades“ in der Performance ergibt sich aus einer konsequenten musikalischen Frage: Was gibt man zum Schlager dazu oder weg bzw. wie soll man ihn verändern?

Astrid Peterle: Du hast einmal in einer Probe gemeint: „Liebe geht immer!“ Was unterscheidet Deiner Meinung nach die Thematisierung von Liebe im Schlager bzw. der volkstümlichen Musik von jener in der Popmusik? Wenn man so manche Lyrics von verehrten Popklassikern ins Deutsche übersetzt, dann unterscheiden sie sich gar nicht so stark von Hansi Hinterseers, wie vielleicht vermutet.

Doris Stelzer: Ja, ich erinnere mich, das war, als wir über den flämischen Schlager sprachen und über die Natur und Bergsehnsucht und die in Beneluxländern nicht vorhandenen Berge. Und „Liebe“ als Thema für Songs oder Lieder funktioniert bzw. transportiert sich natürlich in allen kulturellen Kontexten. Natürlich gibt es Unterschiede, im Schlager wird die Liebe z.B. immer nur durch heterosexuelle Paare definiert. Auch wenn die Texte scheinbar ähnlich sind, gehört zum Schlager mehr. Ich folge hier dem Musikethnologen Julio Mendivil – ein Schlager wird vom Schlagerpublikum angenommen, wenn er sich in einer gewissen Bandbreite von Kriterien bewegt. Dazu gehören Musik, Text und vor allem die darbietende Person, welche durch ihr Sein und Agieren gewisse Werte vermitteln muss, vor allem um eine bestimmte Fankultur aufzubauen und pflegen zu können.

Astrid Peterle: Apropos Hansi Hinterseer – er war eine besondere Quelle der Inspiration für Dich.

Doris Stelzer: Die Auseinandersetzung mit Hansi Hinterseer hat vor allem im Rahmen von meinem Postgraduate-Kurs bei a.pass in Belgien stattgefunden. Dort habe ich mich mit seiner medialen Person, seinen Liedern, seiner Präsenz und Aktion bezüglich der Fans und auch mit seiner Biografie auseinandergesetzt. Das Ganze habe ich dann in Kontext zu meiner eigenen Biografie und Identität und dann nochmal in einen internationalen interdisziplinären Kontext gesetzt. Ich glaube, ich bin nicht nur einmal „gescheitert.“ Bei der Arbeit zu lasst uns träumen haben wir dann den Kreis erweitert und andere einschlägige Beispiele studiert: Andrea Berg, Stefanie Hertel & Stefan Mross, Helene Fischer und diverse Kinderstars, einzeln oder als Paar.

Astrid Peterle: Unterscheidet sich die Freude, die Hinterseer Fans bei einem Konzert empfinden, von jener der Rammstein-Fans oder PJ Harvey-Fans?

Doris Stelzer: Ich weiß es nicht. Ich glaube aber, das ein großer Unterschied in der Art liegt, wie die Freude zelebriert wird und in der Erwartungshaltung hinsichtlich eines Konzertes. Zu einem Rammstein Konzert geht man eher hin, um die Band mit ihrer Bühnenshow live zu erleben. Schlagerfans sind sich bewusst, dass es ein Playback gibt – das steigert den vertrauten Wiedererkennungswert. Bei einem Schlagerkonzert möchte man weniger überrascht werden. Im Übrigen sind sich Schlagerfans auch bewusst, dass es keine heile Welt gibt – aber sie sind bereit zu träumen.

Astrid Peterle: Janez Janša hat mit seiner, im Tanzquartier gezeigten, Performance Who is next? auch jene Einschränkungen thematisiert, die sich die Kunst selbst auferlegt – was gezeigt werden darf und was nicht. Bricht lasst uns träumen eine Lanze für den Schlager und die volkstümliche Musik in der zeitgenössischen Choreografie?

Doris Stelzer: Ich glaube, es gibt und sollte eigentlich keine wirklichen „no-gos“ in der zeitgenössischen Choreografie mehr geben. Manche Themen erschließen sich auf den ersten Blick vielleicht mehr als andere – lasst uns träumen ist wohl ein Plädoyer dafür, die Themen nicht immer in den gleichen Feldern zu suchen, sondern sich eben auch mit scheinbaren „no-gos“ auseinanderzusetzen. Es war eine sehr spannende Auseinandersetzung, aber ich freue mich auch sehr darauf, mich etwas Neuem zuzuwenden.