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gender jungle - wo/man

Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt
7. 8. und 9.April 2011, 21h
www.mousonturm.de

Stary Browar / 27.September 2010 / Poznań, PL
http://starybrowar5050.com/

Ciało/Umysł /25.September 2010 / Warschau, PL
9. International Contemporary Dance Festival
www.cialoumysl.pl

Aerowaves - The Place / 16.Mai 2010 / London
Something Happening - Session 4
www.theplace.org.uk 

Something RAW / 6. Februar 2010 / Amsterdam
www.theaterfrascati.nl 

Tanzquartier Wien / 14. und 16.Jänner 2010
Premiere
www.tqw.at

Working Title Festival / Dezember 2009 / Brüssel
Preview Performance /Jardin d´Europe Selection / www.workspacebrussels.be


Pressestimmen
Interview von Doris Stelzer: Ich sehe einen Rückschritt in die standard
Der veräffentlichte Körper corpus
Weiblich oder Männlich? tanz.at
Variationen über einen Körper der standard
Pressestimmen short cuts

 
Text Astrid Peterle über gender jungle - woman, scroll down
 
Fotos see Gallery
 
 
Wann nimmt der Blick eine Bewegung, ein Verhalten oder einen Körper als typisch weiblich oder männlich wahr? Doris Stelzer stellt in ihrer Tanzperformance gender jungle - wo/man die inszenierte und die reale Weiblichkeit der Männlichkeit gegenüber. Im Geschlechtercocktail trifft das weibliche Klischee auf den männlichen Körper und vice versa. Es wird geschüttelt, gerührt und gemixt um nach der Dekonstruktion stereotyper Verhaltensweisen der Frage nachzugehen: Was ist das Gemeinsame und das Dazwischen? Oder anders formuliert: was bleibt abseits normativer Zweigeschlechtlichkeit? Gibt es einen “unbesetzten” Körper?

Doris Stelzer, Choreografin und Biotechnologin, beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Repräsentationsformen des Körpers und medialen Körperinszenierungen. Stereotype und Rollenzuschreibungen werden in bildhaftem Material aufgespürt, analysiert, hinterfragt und in fokussierte Bewegungsstatements transformiert. Die Produktion gender jungle – wo/man basiert auf der Recherche unter dem Titel restudied bodies – wo/man während einer  ImPulsTanz – Residency im Sommer 2009.


Konzept, Choreografie Doris Stelzer (A)
Performance, Choreografie Lieve De Pourcq (BE/A), Ondřej Vidlář (CZ/BE), Gabriel Schenker (BR/BE)
Soundkonzept, Liveelectronics Mariella Greil (A/UK), Werner Möbius (A/UK)
Lichtdesign Tom Barcal (A)
Theoretischer Input Astrid Peterle
Produktionsmitarbeit Stefanie Fischer, Nora Dorogan
PR SKYunlimited
Dank an ImPulsTanz, ttp WUK, WorkSpace Brussels
Unterstützung Kulturabteilung der Stadt Wien und Bundesministerium für Kunst und Kultur
Produktion dis.danse
Coproduktion Jardin D`Europe mit Unterstützung der Europäischen Kommission – GD Bildung und Kultur

NOTE: aus restudied bodies - wo/man wurde gender jungle - wo/man!

 

 

gender jungle - wo/man
Text Astrid Peterle 
 
Doris Stelzers Performance gender jungle ist eine Galerie der Bewegungen, in der Klischees und normative Geschlechterrollen ausgestellt werden. Die Basis der Performance bildet eine Untersuchung der Effekte jener Vorgänge, durch die sich normative Geschlechterkonstruktionen konstituieren. Wie zeigen sich Geschlechterstereotype in Bewegungsmustern? Inwieweit sind Bewegungen der Brustpartie, der Taille, Hüfte und des Gesäßes „weiblich“ oder „männlich“ konnotiert? Und können diese Bewegungsklischees auf die Körper übergestreift werden wie Kleidungsstücke?

Die Klischees setzen sich in gender jungle gleichsam auf der Oberfläche der Körper der PerformerInnen ab. Die Performance ist eine –  im wörtlichen Sinne des Wortes – oberflächliche und ironische Aneignung von als „weiblich“ oder „männlich“ konnotierten Bewegungen und Gesten. Im Laufe der Performance ziehen sich die PerformerInnen immer mehr Kleidungsstücke zur Unterstreichung der klischeehaften Bewegungen an. Der Fokus liegt weniger auf der geschlechtlichen Konnotation der Kleidung, als auf der Frage, mit welchen stereotypen Bewegungen Kleidung landläufig verbunden wird. Die PerformerInnen schlüpfen in die Bewegungen, die durch die modischen Versatzstücke quasi mitgeliefert werden. Wie einen Rock, ein Bikinioberteil oder eine Strumpfhose streifen sie sich die Klischees über ihre Körper. Tatkräftige Hilfestellung bei der Anleitung zu diesem klischeehaften Geschlechterverhalten boten dabei im Prozess der Entwicklung der Performance nicht nur Medien und Werbung, sondern auch Konsumtempel: Der Animal-Print als Symbol schlechthin für ein geschlechtlich und sexuell konnotiertes Muster war in den Geschäften der einschlägigen, internationalen Kaufhausketten im Sommer 2009 allgegenwärtig – die PerformerInnen präsentieren einen Querschnitt durch das Angebot aus den Damenabteilungen für Teenager.

Tagtäglich „tun“ wir Geschlecht, in dem wir uns als Frau oder als Mann inszenieren: durch Kleidungsstücke, durch Bewegungen, durch Gesten, durch Konventionen des Sprechens, durch soziale Verhaltensmuster. Das Konzept des „doing gender“ wurde Ende der 1980er-Jahre von den Soziologen Candace West und Don H. Zimmerman beschrieben und verweist auf die Hervorbringung und Reproduktion der binären und heteronormativen Geschlechterordnung im alltäglichen Verhalten. „Doing gender“ beschreibt, dass Geschlecht von jedem Menschen in alltäglichen Praktiken, die sich meist auf die Normen jenes Geschlechts beziehen, zu dem sie/er gesellschaftlich seit ihrer/seiner Geburt als zugehörig wahrgenommen wird, hervorgebracht wird. Dieses Konzept betont auch die Tatsache, dass Menschen ihr Geschlecht nicht tagein, tagaus neu wählen können, sondern, dass sie Geschlecht und die damit verbundenen normativen Konzeptionen von legitimen Verhalten jeden Tag aufs neue reproduzieren müssen, um gesellschaftlich anerkannt zu werden. Jene Praktiken, die das „biologische“ Geschlecht nicht reproduzieren, werden als nicht gesellschaftlich legitim oder aber als Drag-Performance wahrgenommen.

gender jungle setzt sich mit jenen Klischees von „Weiblichkeit“ auseinander, die im „Tun von Geschlecht“ durch eine Überidentifizierung mit Normen von „Weiblichkeit“ und „sexueller Attraktivität“ generiert werden – sei es „sexy“ Disco-Dancing mit exzessivem Einsatz von Hüftbewegungen oder das Posing von Modells auf dem Laufsteg. Die PerformerInnen eignen sich in diesem Spiel mit Geschlechterklischees die als „weiblich“ konnotierten Bewegungen und Versatzstücke an. Dabei versuchen sie jedoch nicht, als perfekte Kopien der „Original-Weiblichkeit“ so nahe wie möglich zu kommen. Alle drei PerformerInnen verdeutlichen, dass das Ideal von „Weiblichkeit“ eine Illusion ist, eine Konzeption, der niemand gerecht werden kann. Wenn im Drag binäre bzw. heterosexuelle Geschlechterkonventionen wiederholt werden, dann lässt sich diese Praxis nicht als die Kopie eines Originals bezeichnen, sondern als die Kopie einer Kopie. Denn das vorgebliche Original erweist sich als „unvermeidlich verfehlt“, als „ein Ideal, das niemand verkörpern kann“ (Judith Butler). Damit können Drag-Performances oder Performances, in denen Geschlechterklischees zwischen den PerformerInnen hin- und hergeschoben werden, wie etwa gender jungle, sichtbar machen, dass das, was wir an Geschlecht als „natürlich“ und als unverrückbare Realität wahrnehmen, eine Konstruktion ist, die verändert werden kann.  gender jungle wirft aber auch die Frage auf, ob es möglich ist, sich normative Geschlechterrollen, klischeehafte Bewegung sowie als „weiblich“ oder „männlich“, als „heterosexuell“ oder „homosexuell“ konnotierte Gesten und Attribute wie Kleidungsstücke nur auf der körperlichen Oberfläche anzueignen. Bedarf es einer Verkörperung im Sinne eines Einschreibens in den Körper, um ein „Passing“ zu erreichen, um nach herkömmlichen Auffassungen als Frau oder Mann wahrgenommen zu werden?

gender jungle entwirft keine Utopie, in der normative Geschlechterkonstruktionen komplett aufgelöst werden (ein menschliches Zusammenleben ohne Normen ist unmöglich, wie auch Judith Butler immer wieder betont). Vielmehr eignet sich gender jungle Klischees bewusst plakativ an. Bestehende Normen werden in der Performance lust- und humorvoll ausgestellt, überzeichnet, sozusagen überkonstruiert, anstatt dekonstruiert. So wird deutlich, wie wahnwitzig so manches Ideal ist, wenn es aus seinem üblichen Kontext enthoben wird: von der MTV-Dating-Show, der Modewerbung, der Unterwäschemodeschau, dem Freibad und der Großdisko auf die Bühne der konzeptuellen Kunst. Aber – wer stellt eigentlich überhaupt die Regeln auf, was wo und wie erlaubt ist? Wo hört das Disco-Dancing auf und wo beginnt der konzeptuelle Tanz? Und überhaupt – wer sagt, dass Leoprints im konzeptuellen Tanz nichts zu suchen haben?